Es war einer dieser anstrengenden Tage gewesen, an denen mir die Stadt gefühlt jede Kraft geraubt hatte. Mein Laptop lag aufgeklappt auf der Küchentheke, eine unfertige E-Mail starrte mich an wie eine Mahnung, der ich mich nicht stellen konnte. Ich stand am Fenster, das Handy ans Ohr gepresst, und beobachtete, wie sich die Skyline scharf vom schwindenden Licht abhob.
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Dann, in diesem stillen Moment, drang die letzte Stimme, die ich hören wollte, an die Oberfläche – scharf, fast zufrieden.
„Du hast Hausverbot im Familienstrandhaus. Für immer.“
Victorias Worte zischten wie eine Peitsche durch die Leitung.
Mein Griff verstärkte sich. „Was?“
„Ich habe die Schlösser ausgetauscht“, fuhr sie fort und genoss jede Sekunde. „Denk ja nicht mal dran, hierherzukommen. Das hast du davon, dass du Lilys Abschlussfeier ruiniert hast.“
Ich starrte in mein Spiegelbild – zerzaustes, hochgestecktes Haar, ein viel zu großer Pullover, der mir von der Schulter rutschte, dunkle Ringe unter den Augen von zu vielen schlaflosen Nächten.
„Die Party“, sagte ich langsam, „zu der du mich gar nicht eingeladen hast?“
Sie spottete.
„Die, bei der du allen erzählt hast, ich hätte keine Zeit?“, fügte ich hinzu und versuchte, meine Stimme ruhig zu halten, wie ich es mir schon vor langer Zeit angewöhnt hatte. Gefühle zu zeigen, würde sie nur anstacheln.
Victoria lachte – ein sprödes, schneidendes Lachen. „Hör auf, dich als Opfer darzustellen, Alexandra. Jeder weiß, dass du eifersüchtig auf Lily bist. Und jetzt setzt du nie wieder einen Fuß in dieses Strandhaus.“
Eifersüchtig. Schon wieder dieses Wort. Sie hatte es jahrelang benutzt – nicht weil es wahr war, sondern weil es ihr gelegen kam.
Einen Moment lang verschwamm das Spiegelbild im Glas zur Erinnerung – die umlaufende Veranda, das abgeplatzte weiße Geländer, der endlose Ozean dahinter. Das Strandhaus.
Das Lachen meiner Mutter hallte in meinem Kopf wider, getragen von der salzigen Luft.
Ich blinzelte und riss mich aus meinen Gedanken zurück in die Gegenwart.
„Das Haus gehört dir nicht, aus dem du mich verbannen kannst“, sagte ich leise.
„Oh ja“, erwiderte sie selbstsicher. „Dein Vater hat es mir letzten Monat überschrieben. Es gehört jetzt mir – und ich will dich nicht in der Nähe haben. Du bist genau wie deine Mutter, immer so anspruchsvoll.“
Diese Beleidigung schmerzte nicht mehr. Sie war vorhersehbar.
Ein leichtes Lächeln huschte über meine Lippen. „Danke, dass Sie mir von den Schlössern erzählt haben“, sagte ich.
Sie hielt inne, verwirrt. „Was bedeutet das denn –“
Ich habe das Gespräch beendet, bevor sie ausreden konnte.
In der Wohnung herrschte Stille, die nur vom fernen Stadtlärm und dem leisen Summen der Haushaltsgeräte unterbrochen wurde.
Hausverbot im Strandhaus.
Ich steckte mein Handy in die Tasche und ging in mein kleines Heimbüro – eine beengte Ecke mit einem alten Schreibtisch, einem gebrauchten Stuhl und Stapeln von zusammengewürfelten Kartons.
Ich kniete neben dem Aktenschrank und zog die unterste Schublade auf.
Da lag er – ein abgenutzter Manilaumschlag, die Ränder vom Zahn der Zeit abgerundet, verschlossen mit Klebeband, das meine Mutter selbst zugeklebt hatte. Mir stockte der Atem, als ich ihn hochhob.
Auf der Vorderseite, in ihrer sauberen Handschrift:
ALEXANDRA – STRANDHAUS – WICHTIG
Das Wort „WICHTIG“ war dreimal unterstrichen.
Ich öffnete es vorsichtig. Der Duft von altem Papier stieg mir in die Nase, als ich die Dokumente herauszog – ihr Treuhandfonds, nur wenige Monate vor ihrem Tod errichtet. Dahinter die Urkunde.
Sie hatte es gewusst.